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Donnerstag, 3. März 2016

Die Wahrheit aber macht nicht viele Worte

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Angela Merkel - ein neuer Martin Luther?

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Regelmäßige Zeitungsleser und Nachrichtenhörer sind in diesen Wochen und Monaten ja schon einiges an Hofberichterstattung gewöhnt, die offensichtlich aus der Angst geboren ist, bloße Zweifel an den Vorgaben der deutschen Alleinherrscherin („Ich habe keinen Plan B“, „Wir können das schaffen“) könnten das immer wackeliger werdende Kartenhaus der Merkelschen Willkommenspolitik zum Einsturz bringen. Gerade in der Fastenzeit vor den Landtagswahlen im März scheinen sich viele Medien auch jeglicher kritischer Meinungsäußerung enthalten zu wollen.


Aber der ganzseitige Kommentar zum Auftritt der Kanzlerin bei „Anne Will“, den die Publizistin Christine Eichel am Dienstag in der Berliner BZ unter der Überschrift „In der Krise zeigt sich ihre christliche Prägung“ verfassen durfte , sprengt den bisher gekannten Rahmen. „Hier stehe ich und kann nicht anders“ leitet die Autorin ihren Text mit Martin Luthers legendärem Satz von 1521 auf dem Reichstag zu Worms ein. "Ähnlich unbeirrbar“ wie der Reformator verhalte sich nun fünfhundert Jahre später die Pfarrerstochter, „die eine Vision hat und bereit ist, dafür ihre eigene Popularität zu opfern“ (an dieser Stelle stockte mir der Atem, weil ich fälschlicherweise „Population“ las).


Vermutlich, so die Publizistin weiter, zeige sich hier „die unzerstörbare Substanz von Angela Merkel, eine Entschlossenheit, die nur auf einem starken Wertefundament entsteht“. Selten sei ein deutscher Politiker derart überzeugt gewesen, „dass nicht der Flirt mit dem Wähler, sondern das eigene Wertesystem wichtiger“ sei. Deshalb werde der Auftritt der Kanzlerin bei Anne Will vermutlich in die TV-Geschichte eingehen – „als Dokument einer Haltung, die das Ethos über den mit Geschmeidigkeit erkauften Erfolg setzt.“


Nach so viel nordkoreanisch anmutendem Pathos und „Ethos“ heißt es für den Leser erst einmal durchatmen und die bösen Störgedanken verscheuchen, die ihm unwillkürlich durch den Kopf gehen: Versteht eigentlich die Stammleserschaft dieses Springer-Boulevardblatts solch anspruchsvolle Lobrede? Und fallen einem nicht mindestens zwei andere deutsche Politiker ein, denen die Meinung der eigenen Bevölkerung völlig schnuppe war und die sich bis zum bitteren Ende in ihren angeblich unzerstörbaren „Wertefundamenten“ einbunkerten? Wäre es also nicht von entscheidender Bedeutung, zu erfahren, was für Werte es sind, an denen unsere Kanzlerin so „unbeirrbar“ festhält und welcher Vision – außer dem eigenen Machterhalt – sie anhängt?


Zumal Angela Merkels bisherige Kanzlerschaft nach übereinstimmender Meinung von Kritikern und Bewunderern gerade durch eine schwindelerregende „Geschmeidigkeit“ und Wendigkeit – den jeweils aktuellen Meinungsumfragen folgend – charakterisiert war. Wenn sie sich durch ihre folgenschwere Fehleinschätzung vom September 2015 und die trotzige Weigerung, diese zu korrigieren, nun in eine totale Sackgasse manövriert hat, nicht vor und nicht zurück kann; wenn sie, anstatt eine offene Diskussion über ihre das ganze Land umkrempelnde Politik zu initiieren, nur bockige Stammelsätze von sich gibt – wenn das und das nicht passiere, sei das „nicht mehr mein Land“ (wahlweise „mein Europa“), dann soll das nach Meinung ihrer glühendsten Verehrer plötzlich „Luther“ sein?

Zu Luthers Zeiten vertrat die katholische Kirche die Ansicht, die Menschen dürften sich keine eigene Meinung bilden, nur über die Vermittlung durch die Kirche sei ihnen die Wahrheit zumutbar. Gegen diese Politik der Bevormundung, des „Wir wissen besser als ihr selbst, was gut für euch ist“ wandte sich Martin Luther, deshalb übertrug er die Bibel ins Deutsche und zwar in die deftige, bildhafte Sprache des einfachen Volkes. Für diese Werte der Gewissensfreiheit (durch den eigenen Glauben) und Eigenverantwortung (vor Gott) riskierte er sein Leben, dafür steht sein mutiger Satz: „Hier stehe ich und kann nicht anders.

„Ich hasse die Vielredner“, schrieb der Mann, der die klare Sprache liebte. „Denn meistens, wenn sie meinen, sehr Großes zu sagen, reden sie Lügen. Die Wahrheit aber… macht nicht viele Worte.“ Die Kanzlerin hingegen ist eine Meisterin des verklausulierten Phrasengeschachtels, das ihre wahren Gedanken verschleiert. Sie will sich nicht in die Karten schauen lassen. Wähnt sich klüger als alle anderen, im alleinigen Besitz der Wahrheit. Mögen auch bestellte Jubelkommentare ihr stures „Augen zu und durch!" hundertmal zum Qualitätsmerkmal verklären – eine Parallele drängt sich leider nicht zum großen deutschen Reformator auf, sondern eher zu der verkrusteten Herrschaftskaste in der damaligen katholischen Kirche, die das Volk verachtete und deren Sprache sich verbraucht hatte.


Früher hätte man vielleicht sogar die BZ als „Martin Luther unter den Boulevardzeitungen“ bezeichnen können. Sie schaute dem Volk aufs Maul und trat, wenn die Zumutungen der Politik zu arg wurden, auf die Notbremse, um den Herrschenden zu signalisieren: „Achtung, es grummelt in der Bevölkerung!" Seit Beginn der „Flüchtlingskrise“ sind die Bremsen ausgebaut, ist die BZ – mit der gesamten Presse des Hauses Springer – auf den Zug der Kanzlerin aufgesprungen, der mit Volldampf ins Unbekannte rast. Je länger die verantwortungslose Blindfahrt dauert, desto stärker werden ihre beängstigenden Begleiterscheinungen geleugnet, die Zugführerin glorifiziert, alle Abweichler ausgegrenzt.

 
„Eine Lüge ist wie ein Schneeball: Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er“, wusste Martin Luther. Der Schneeball ist längst eine Lawine, von der im entscheidenden Merkel-Jahr 2016 niemand weiß, wen und was sie alles erfassen, zerstören, hinwegfegen wird. Vielleicht werden im darauffolgenden Luther-Jahr 2017 die Lehren des großen deutschen Reformators mit anderen Ohren gehört werden.


Oliver Zimski ist Übersetzer, Sozialarbeiter und Autor. 2015 erschien sein Kriminalroman „Wiosna – tödlicher Frühling“.




Achse des Guten
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