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Freitag, 2. September 2016

Wenn es kein Leben mehr ist

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»Ich mag nicht mehr«

Was tun, wenn alte Menschen nicht mehr leben wollen?

von Susanne Schröder


Beim Medien-Thema »Pflege« geht es meistens um Pflegefehler und Personalmangel. Um den Tod geht es selten. Dabei sind die Pflegekräfte täglich mit dem Sterben konfrontiert. Besonders schwierig ist das, wenn alte Menschen laut und deutlich sagen: Ich will nicht mehr leben. Wie soll man damit umgehen? Feldstudien im Graubereich der Ethik.

Der Frühstückstisch in der Wohngruppe im »Sonnenhof« ist gerade abgeräumt. Angelika, die Betreuungskraft, packt einen Stapel Karten aus. »Sollen wir ein paar Sprichwörter raten?«, fragt sie laut. »Wie gewonnen, so …«, liest sie vor und schaut in die Runde. »… so zerronnen«, sagt mit monotoner Stimme eine weißhaarige Frau, deren Blick ganz nach innen gerichtet scheint. Ein Herr mit starken Brillengläsern erhebt sich, nickt, schiebt seinen Stuhl akkurat an den Tisch und geht. Am Tischende schnaubt eine Dame verächtlich und schüttelt den Kopf. Eine andere döst mit halbgeschlossenen Augen; nur einmal taucht sie für eine Antwort aus ihren Gedanken auf. Im Hintergrund verfolgt eine Frau andere Bewohner, packt sie am Arm, um mit ihnen zu reden. Wieder eine andere betrachtet nachdenklich ihre zusammengeknüllte Stoffserviette. Schließlich beginnt sie, damit energisch die Möbel zu polieren.

48 Menschen wohnen auf der beschützenden Station des Pflegeheims Ebenhausen. Auch in den unterschiedlichen Stadien ihrer Demenz sind ihre Charaktere völlig verschieden. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie werden im Sonnenhof sterben.

»Man ist hier zu hundert Prozent mit dem Tod konfrontiert«, sagt Franziska Fischer, die stellvertretende Stationsleiterin. Das lässt die 28-Jährige nicht kalt und es ist auch nicht immer leicht. Trotzdem ist ihr Standpunkt klar: »Das Sterben gehört zum Leben dazu, ob mit 90 oder mit 30 Jahren«, sagt die Mutter von zwei Töchtern. Schwierig sind die Begleitumstände: Sterben und der Wunsch zu sterben, ist eine Herausforderung für alle.

Für die Angehörigen: Die Angst, der Vater oder die Ehefrau könnten am Lebensende verhungern, verdursten, Schmerzen leiden, ist groß. Für die Ärzte: Auf Infusionen oder Medikamente in der letzten Lebensphase zu verzichten, fällt manchen nicht leicht. Für die Schwestern: Pflege ist Beziehungsarbeit - wenn ein langjähriger Bewohner stirbt, ist das auch für sie ein Trauerfall. Und für die Sterbenden selbst: Sie sind darauf angewiesen, dass ihr Umfeld ihre Wünsche erahnt und ihren Willen respektiert. 

Dass über alles, was zum Sterben gehört, mittlerweile in vielen Pflegeheimen offener gesprochen wird, ist ein Verdienst der Initiative »End-Of-Life-Care« (EOLC) der Diakonie Bayern. Dort hatte man vor zehn Jahren erkannt, dass selbst bei bester Hospiz- und Palliativversorgung immer noch Fragen offen und Probleme ungelöst bleiben. »Nicht alle Schmerzen können gelindert werden«, sagt Dorothea Bergmann und meint das auch im übertragenen Sinn. Die Pfarrerin ist für die Fachstelle »Spiritualität, Palliative Care, Ethik und Seelsorge« (SPES) der Inneren Mission München zuständig, die mit ihrer Tochtergesellschaft »Hilfe im Alter« einer von neun Partnern der EOLC ist.

Im Sonnenhof von Ebenhausen bemühen sie sich sehr darum, sterbende Menschen so zu begleiten, dass es ihrem Willen entspricht. Im Fachjargon heißt das zum Beispiel: Essen und Trinken nach Akzeptanz. Wenn ein Bewohner nichts mehr essen mag, versuchen Franziska Fischer und ihre Kolleginnen erst, alle möglichen Gründe abzuklären: Hat der Patient Zahnweh? Hat er Schluckbeschwerden, weil die Demenz die Muskeln blockiert? Ist er gerade depressiv verstimmt? Schmeckt es ihm vielleicht einfach nicht? Gerade bei Demenzkranken ist die Ursachenforschung nicht immer leicht.

Am Ende entscheidet aber der Bewohner, ob er isst oder nicht: »Wenn jemand den Mund nicht mehr aufmacht, akzeptieren wir das«, erklärt Fischer. Das sogenannte Sterbefasten ist die einzige Form des Suizidversuchs, die Pflegeheime tolerieren dürfen. Nach Absprache mit Arzt und Angehörigen konzentriert sich die Pflege in so einem Fall stärker darauf, das Sterben so leicht wie möglich zu machen. 

Was heißt es, wenn ein alter Mensch nicht mehr isst und trinkt? Ist sein Körper einfach schwach und müde? Oder will er bewusst sein Leben beenden? Demenzkranke können das oft gar nicht mehr formulieren. Auf regulären Pflegestationen hingegen ist der ausgesprochene Wunsch zu sterben nichts Ungewöhnliches. »Dass jemand sagt: Ich mag nicht mehr, kann man als Pflegekraft täglich und mehrfach hören«, sagt Pfarrerin Bergmann (siehe Interview).

Harte Dämpfer für die Lebensmotivation alter Menschen gibt es viele. Freunde sterben, manchmal auch die eigenen Kinder, die Einsamkeit nimmt zu, genauso Schmerzen und körperliche Einschränkungen. Dass alt werden nichts für Feiglinge sei, ist ein lässiger Spruch.

Wie viel Tapferkeit manchmal wirklich dazu gehört, sieht Barbara Sauer täglich. Der Umzug ins Heim, der Verlust von Mobilität und Selbstbestimmung sind kritische Momente, in denen Suizidgedanken laut werden können, weiß die Pflegedienstleitung im Altenheim Ebenhausen. Sie sagt: »Wir nehmen solche Äußerungen sehr ernst - aber es ist nicht unsere Aufgabe, Leben zu beenden.« Also versuchen die Pflegekräfte, besonders gefährdete Menschen aus ihren Zimmern zu holen, sie in den Alltag einzubinden und ihnen zuzuhören.

»Einigeln macht's schlimmer - erzählen macht's oft besser«, stellt Sauer fest. Dass für ausführliche Gespräche im Pflegealltag kaum Zeit bleibt, ist das bekannte Dilemma. Besuchsdienste und Betreuungskräfte füllen die Lücke, so gut es geht.

Nicht immer fruchten die Bemühungen. Claudia Greif-Mikas ist seit vielen Jahren Altenpflegerin und hat erlebt, dass Bewohner versucht haben, sich die Pulsadern aufzuschneiden oder sich zu erhängen. »Für die Pflegekräfte ist das ein Schock«, sagt die 48-Jährige. Doppelt schlimm: Nach einem Suizidversuch muss das Heim die Menschen in die Psychiatrie überweisen lassen. Für Franziska Fischer keine Lösung: »Man muss doch am Grund arbeiten - die Patienten einfach wegsperren, das ist heftig.«

Fischer und Greif-Mikas kennen viele Sterbegeschichten, schreckliche und schöne. Dabei ist der selbstgewählte Tod nicht immer schön und das Sterben nach langem Siechtum nicht immer schrecklich. Franziska Fischer erzählt von einer Tierärztin, die sich mit einer Spritze das Leben nehmen wollte. »Jetzt liegt sie seit 15 Jahren im Koma«, sagt die Pflegekraft, und in ihrer Stimme liegt Bedauern. Claudia Greif-Mikas erinnert sich an einen Bewohner, der lange schwer krank war: »Als es ans Sterben ging, konnten wir seiner Frau ein Bett in sein Zimmer stellen. Sie war die ganze Zeit bei ihm. Er ist in ihren Armen gestorben.« Franziska Fischer nickt. Für einen Moment ist es ganz still im Schwesternzimmer. Man spürt: So ein Tod ist für alle Beteiligten ein Geschenk.




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