Montag, 4. Juli 2011

Für eine gute Pointe würde ich zum Islam übertreten

Interview mit Henryk M. Broder

„Es kann doch nicht sein, dass die Geschlossenheit der Partei wichtiger ist als ideologische Klarheit.“   













Er kritisiert, spitzt zu und polemisiert wie kein Zweiter – Henryk M. Broder. Mit Cicero Online spricht er über eine Kloschüssel auf dem Obersalzberg, über Mainstream und über das Phänomen des Antisemitismus in der Linken.



Herr Broder, Sie gelten gemeinhin als Provokateur. Der Feuilletonchef der FAZ – Patrick Bahners – spricht im Zusammenhang mit der Art und Weise wie Sie Kritik üben von einer „Polemik als symbolische Übersprunghandlung  einer zeitgemäßen Liberalität“. Er sieht darin eine Umwertung aller Werte als bewährtes Verfahren der Aphoristik. Und in der Tat ist ihre Polemik doch sehr speziell. Wenn Sie sich beispielsweise in ihrer TV-Sendung als Holocaust-Mahnmal-Stele verkleiden und auf eine Holocaust-Gedenkfeier gehen, schießen Sie da nicht übers Ziel hinaus?
Hat das Patrick Bahners mit diesem Beispiel illustriert?


Nein.
Zu Patrick Bahners sage ich nichts, weil ich das, was er schreibt, nicht verstehe. Und zu Dingen, die ich nicht verstehe, sage ich nichts. Was die Stele angeht: Für eine gute Pointe würde ich zum Islam übertreten. Hamed Abdel-Samad und ich fanden die Idee gut und dann sagten wir, das machen wir. In der Staffel, die wir jetzt gerade drehen, laufen Hamed und ich mit einer Kloschüssel, die wir im Baumarkt gekauft haben, auf den Obersalzberg und stellen die Schüssel dort ab, wo früher die Terrasse des Führers war. Wir fanden das beide sehr lustig. Ob es die Leute lustig finden, ist mir egal.


Kann man von einer Methode Broder sprechen? Das folgende Zitat von Ihnen bringt ihre Art der Zuspitzung und Formulierung auf den Punkt: „Ich halte Toleranz für keine Tugend, sondern für eine Schwäche – und Intoleranz für ein Gebot der Stunde.“
Ich gehe an das, was ich mache, wirklich vollkommen unschuldig heran. Es gibt Sachen, die ich nicht verstehe. Ich versuche dann, mir diese Sachen zu erklären, nähere mich ihnen und schreibe darüber. Wenn Leute darin ein Konzept sehen, ok. Ich glaube aber, ich habe keines.


Sie sagen, Sie haben kein Konzept. Schaue ich mir ihren Blog „Die Achse des Guten“ an, entdecke ich doch eines: Ein Konzept des politisch Inkorrekten.
Sie entdecken ein Konzept, ein anderer ein anderes Konzept. Das ist das Schöne an einem Konzept: Jedem das Seine.


Gegen alles vermeintlich politisch Korrekte und Gutmenschentum zu polemisieren, das ist doch, schaut man sich das Meinungsbild im Internet an, mittlerweile Mainstream.
Kann sein. Wir beabsichtigen mit der Seite „achgut“ nicht gegen oder mit dem Mainstream zu sein. Wir gehen von Fall zu Fall vor. „Achgut“ hat ein sehr weites Spektrum. Von linken Autoren bis zu konservativen Katholiken. Auch da gibt es kein festgelegtes Konzept. Wir sind einfach radikal für den Gedanken der Meinungsfreiheit, der persönlichen Verantwortung und dafür, dass Leute nicht entmündigt werden. Es macht uns riesigen Spaß, Blasen aufzustechen und zu zeigen, dass sie aus lauwarmer Luft bestehen. Das ist schon alles. Wenn das querdenkerisch ist, dann ist es querdenkerisch, und wenn es Mainstream ist, dann ist das Mainstream.
 

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass diese Plattform das politisch Inkorrekte zu einem Dogma erhebt. Also genau das macht, was es den vermeintlich linken Ideologen vorwirft?
Nein, schauen Sie, wir sind ja nicht gegen den Ausstieg aus der Atomenergie, weil alle dafür sind. Meinetwegen soll der Ausstieg aus der Atomkraft vollzogen werden. Mir ist diese Technologie ja auch unheimlich. Ich bin nur dagegen, dass daraus eine pseudo-religiöse Angelegenheit gemacht wird. Ich war kürzlich auf einem Nachhaltigkeitskongress und da hat Bundesumweltminister Röttgen, der nun wirklich die größte Luftblase in diesem Kabinett ist, den Satz gesagt: „Die Regierung braucht die Unterstützung der Gesellschaft.“ Und da ich ja versehentlich in Polen aufgewachsen bin, sind bei mir sofort alle Alarmglocken angegangen. 

Die Regierung braucht die Unterstützung der Gesellschaft? Ich unterstütze sie, in dem ich sie alle vier Jahre wähle und alle vier Jahre wieder abwähle. Mehr können die von mir nicht verlangen.

Die Regierung ist dafür da, meinen Müll abzuholen, meinen Pass auszustellen und die Polizei zu bezahlen, die meine Sicherheit garantiert. Aber die Aussage, die Regierung will von der Gesellschaft unterstützt werden, ist eine Aufforderung an die Arbeiterbrigaden, wieder auf die Straße zu gehen, um die Fünfjahrespläne des ZK zu unterstützen. Das ist eine unglaubliche Blase und ich bin entsetzt, wenn sie niemandem auffällt, wenn die Leute nicht in Ohnmacht fallen, wenn ein Bundesminister einen solchen Einstiegskanal in eine totalitäre Zukunft aufmacht.
 

Schaut man sich Debatten im Internet an, die Anfeindungen denen  vermeintliche Gutmenschen ausgeliefert sind, müsste es da heute nicht heißen: Der Mutige ist der politisch Korrekte?
Schauen Sie, Mut ist eine Kategorie, die ich aus meinem Wörterbuch gestrichen habe. Es gibt in diesem Land etwa zwei Dutzend Preise für Mut, Zivilcourage und Toleranz. Das gehört alles aus dem Wörterbuch gestrichen. Hier brauchen Sie Mut, um eine Einladung zu Anne Will abzusagen. Mehr Mut braucht es in diesem Land nicht. Alles was wir machen, erfordert eine Haltung aber keinen Mut. Wenn die Leute sich gegenseitig Medaillen verleihen, dafür dass Sie mutig sind, verlasse ich sofort den Raum. Mutig sind die Demonstranten in Kairo, die sich gegen das Regime stellen. In dieser Gesellschaft brauchen Sie keinen Mut. Mir ist das nur suspekt. Je weniger Mut Sie brauchen, um etwas zu sagen, umso mehr Leute stellen Sie als Mutigen da. Das ist doch vollkommen absurd.


Mut, beziehungsweise eine Haltung, scheint dieser Tage auch der Linken zu fehlen, gegen antisemitischen Antizionismus in den eigenen Reihen vorzugehen. Sie haben bereits in den 70ern als einer der ersten zusammen mit Jean Améry auf Antisemitismus in der Linken verwiesen.
Ja, Améry war damals jemand, den ich gelesen habe. Sartres Aufsatz über die Judenfrage kannte ich jedoch zu dieser Zeit noch nicht. Hätte ich diese Schrift gekannt, hätte ich meine Version wahrscheinlich nicht geschrieben, weil Sartre das schon alles vorweggenommen und viel besser beschrieben hatte. Vieles von damals finden wir heute aber nach wie vor in der Linken. Beispielsweise halten sich große Teile der Linken per se für bessere Menschen, die für Antisemitismus nicht anfällig sind.

Ich hatte eine Debatte in den 70er Jahren mit Gerhard Zwerenz, der damals wie heute behauptete, Linke können keine Antisemiten sein. Das ist so, als wenn ich sagen würde, Juden schlagen ihre Frauen nicht, Katholiken saufen sich nicht die Hucke voll und Protestanten lügen nicht. Das ist vollkommen absurd. Aber das ist die Art, wie sich damals und heute die Linke selbst immunisiert hat.


Was hat sich seither geändert?
Ich beschrieb damals in meinem Buch „Der ewige Antisemit“ in den 80ern marginale Phänomene, von denen ich nicht mal glaubte, dass sie sich in die Mitte der Gesellschaft bewegen würden. Die Kritik an diesem Buch zielte dann auch genau darauf ab. Es wurde kritisiert, dass  ich marginale Phänomene beschreibe und sie überbewerte. Mit dem Blick zurück kann ich nur sagen: Ich habe sie noch unterschätzt.  Alles was damals marginal war, ist heute Mainstream, verkleidet sich aber nur anders.

Dahinter steckt die Erkenntnis, dass der Antisemitismus natürlich einem Wandel unterliegt. Es unterliegt alles einem Wandel. Frauen- und Fremdenfeindlichkeit heute hat eine andere Ausprägung als sie zur Zeit von Otto Weininger hatte. Die Linke aber, die sonst versucht dynamisch zu sein, beharrt darauf, dass der Antisemitismus darin besteht, dass man Juden und Jüdinnen diskriminiert. Die Weiterleitung, der Sprung zu Israel, zu Juden, die sich als Zionisten organisiert haben, zu Juden, die nicht nur eine Religion sein wollen, sondern sich national definieren, diesen Sprung schafft die Linke nicht.

Die Linke verschafft sich ein gutes Gewissen, indem sie immer noch gegen Auschwitz demonstriert, zugleich aber eine Einstaatenlösung favorisiert, die de facto die Vernichtung Israels bedeutet. Linksparteimitglied Christine Buchholz hat vor kurzem ganz klar gesagt, Boykottaufrufe und die Forderung nach einer Einstaatenlösung seien kein Antisemitismus. Dabei sind genau das die Kernbestandteile des modernen Antisemitismus.
 

Werfen wir einen Blick auf die Kritisierten: Gregor Gysi versucht es mit parteiinterner Autorität und initiierte einen Fraktionsbeschluss. Klaus Ernst hingegen schießt gegen die Kritiker zurück. Beispielsweise rät er dem Präsidenten des Zentralrates der Juden Dieter Graumann, nach dessen Kritik an der Linken, die „Niederungen der Parteipolitik zu verlassen“.
Ernst ist ein ehrlicher Dummkopf. Gysi ist ein hochintelligenter Heuchler, denn er weiß es besser. Ich habe mehrere Unterhaltungen mit ihm gehabt, wo er genau das artikuliert hat, was ihm heute vorgeworfen wird, eben dass es Antisemitismus in der Linken gibt. Aber um diesen maroden Laden zusammenzuhalten, will er davon nicht abrücken. Es ist erklärbar, warum gerade die Linkspartei heute zu einem Zentrum antisemitischer Argumentation geworden ist. Sie ist keine antisemitische Partei per se, weil es genug Leute gibt, die diese Meinungen nicht teilen. Aber sie hat eine zum Teil antisemitische Programmatik. Und das ist kein Zufall.

Das kommt von zweierlei: Erstens kommt es bei einer Partei, die zwischen sieben und elf Prozent hin und herpendelt auf jedes Prozent an. Und ein oder zwei Prozent Antisemiten, die sich angezogen fühlen, können für eine so kleine Partei entscheidend sein. Größere Parteien können damit rigider umgehen. Zweitens ist die Linkspartei die Verkörperung des pathologisch gesunden Gewissens. Sie sind Antifaschisten in einem Land, in dem es keinen Faschismus gibt. Sie sind heute gegen die Nazis, obwohl die Nazis heute nur noch als Kostümnazis irgendwo hinter Rostock auftreten.

Die Leute in der Linkspartei haben vergessen, dass niemand so schnell zu Nazis übergelaufen ist, wie die Kommunisten. Heute rot, morgen braun. Es ist das klassische antisemitische Motiv der 20er, 30er Jahre. Damals war der Antisemitismus der Kitt, der die Parteien zusammenhielt, sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner. Das hat die Linke auch versucht. Einen Spagat zwischen links und rechts über das Mittel des Antisemitismus.
 

Jetzt muss aber doch der Linken zugutegehalten werden, dass die größten Kritiker aus der Partei selbst kommen. Angefangen mit Dietmar Bartsch, der die Vorwürfe sehr ernst nimmt, oder Bodo Ramelow, der noch einen Schritt weitergeht und die Anerkennung des israelischen Existenzrecht in das Grundsatzprogramm aufnehmen will. Ganz zu schweigen von der BAK-Shalom, ein Arbeitskreis innerhalb der Linken, der sich massiv gegen Antizionismus zur Wehr setzt.
Die größten Kritiker aus der Partei äußern sich immer dann, wenn es gar nicht mehr anders geht. Das ist der Versuch einer Schadensbegrenzung. Ich habe nicht den geringsten Zweifel an der Integrität von Ramelow, Kipping, Pau oder anderen. Nur habe ich manchmal den Verdacht, sie spielen das Spiel „good cop, bad cop“. Der eine Vernehmer ist der Brutale und der andere bringt Tee und Plätzchen. Das ist eine Form der Arbeitsteilung innerhalb der Partei.

Das Zweite ist: Wenn sie so integer sind, was machen sie dann noch in dieser Partei? Warum schwindeln sie sich ständig etwas zurecht, um in der Partei bleiben zu können. Es kann doch nicht sein, dass die Geschlossenheit der Partei wichtiger ist als ideologische Klarheit. Deswegen glaube ich nicht, dass man denen etwas zugutehalten muss. Sie versuchen sich aus einer Situation zu retten, in die sich selber gebracht haben.
 

Der antisemitische Antizionismus ist über die Sowjetunion, beziehungsweise über den Marxismus-Leninismus stalinistischer Prägung, über die Ostblockstaaten in die Neue Linke nach Westdeutschland gelangt. Heute kommen jedoch die größten Israel-Kritiker in der Linkspartei aus dem Westen. Wie erklären Sie das?
Ich habe keine Erklärung. Antisemitismus ist ein irres Phänomen. Es gab einen amerikanischen Richter, der ist mal gefragt worden, ob er Pornographie definieren könnte. Er antwortete: “No I can’t, but I know it, when I see it.“ Und genau das gilt auch für den Antisemitismus. 
 

Sehen Sie nicht die Gefahr, dass die fokussierte Diskussion über Antisemitismus in der Linken den Antisemitismus der bürgerlichen Parteien überdeckt?
Nein. Der Antisemitismus ist im Prinzip in dieser Gesellschaft vorhanden aber nicht gesellschaftsfähig. Das ist der große entscheidende Fortschritt zu früher. Mit einer antisemitischen Bemerkung stellen sie sich außerhalb des Konsens. Es gibt natürlich trotzdem weiter Antisemitismus. Der linke Antisemitismus ist deshalb so schlimm, weil er so herzig daher kommt, weil er sich seiner selbst nicht bewusst ist und weil er nicht anerkennen will, dass man das antisemitische Potential par ordre de mufti nicht aus der Luft schaffen kann. Und nachdem sich das antisemitische Potential heute nicht mehr auf den einzelnen Juden konzentrieren kann, konzentriert es sich auf das jüdische Kollektiv. Und wenn die Leute dann sagen, es sei Israelkritik, dann ist das ein weiterer Etikettenschwindel. Denn Israelkritik ist vollkommen legitim. Jeder kann, darf und soll…


… und kaum ein anderer Staat wird ja so offen und häufig kritisiert wie Israel.
Ja, Israelkritik muss weder richtig, noch begründet sein. Aber ich darf natürlich genauso die Motive der Israelkritiker hinterfragen. Ich darf fragen, warum sagt Ihr nichts zu Syrien, warum fällt Euch zu Gaddafi nichts ein? Was ist mit Nordkorea? Dieses Kaprizieren auf Juden und jetzt auf Israel ist ein typisches antisemitisches Motiv. Ich halte den linken Antisemitismus für viel schlimmer, ich würde nicht sagen gefährlicher, aber schlimmer, weil er erstens mit einem guten Gewissen daherkommt und sich zweitens politisch verbrämt hat.

Kritik verhält sich immer nach dem Verhalten des Kritisierten. In dem Fall aber hat die "Kritik" eine ganz andere Struktur. Egal was Israel macht, es macht es falsch. Das ist übrigens auch eine Analogie zum klassischen Antisemitismus. Waren die Juden reich, waren sie Ausbeuter, waren sie arm, waren sie Schmarotzer. Waren sie intelligent, waren sie überheblich. Waren sie dumm, waren sie Parasiten. Das heißt, aus der Sicht des Antisemiten kann der Jude nichts richtig machen. Und aus der Sicht des Antizionisten kann Israel nichts richtig machen. Hält es Gaza besetzt, ist es besetzt. Räumt es Gaza, dann ist es nur ein Trick, um die Besetzung mit anderen Mitteln aufrecht zu erhalten. Deshalb ist der linke Antizionismus eine vollkommen verlogene Geschichte, während der klassische bürgerliche Antisemitismus à la Möllemann und Hohmann doch relativ überschaubar ist. Da funktionieren auch die gesellschaftlichen Mechanismen komischerweise viel schneller, als beim linken Antisemitismus.

Herr Broder, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Timo Stein.

cicero
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In Deutschland soll es Freiheit geben

von Helga Hirsch

(Vorsicht Tränengefahr - Jani's Anmerkung)

 Ayse wächst als Alevitin in der ostanatolischen Provinz auf. Nach ihrer Schulzeit flüchtet sie vor dem gewalttätigen Vater – zuerst nach Istanbul, dann nach Deutschland. Aber auch hier holt ihre Vergangenheit sie immer wieder ein. Die Geschichte einer Suche nach dem selbstbestimmten Leben.

Donnerstagabend, 18 Uhr.
„Wohin gehst du?“
Sie geht zur Arbeit. Seit Kurzem hat sie eine Zeitarbeitsstelle in einem Kulturinstitut, das heute eine Ausstellung eröffnet und anschließend zu einem Empfang einlädt.
„Kümmerst du dich gar nicht mehr um das Kind?“

Sie ist die vergangenen neun Jahre keinen einzigen Abend ausgegangen, weil ihr Mann es abgelehnt hat, die Tochter ins Bett zu bringen. Heute aber, die Arbeit stärkt ihr den Rücken, wird sie die Wohnung verlassen.
Fast immer hat sie in ihrem Zusammenleben die Rolle gespielt, die er erwartete. Hat sich um das Kind gekümmert, das Essen genau zu dem Zeitpunkt auf den Tisch gebracht, an dem er von der Arbeit nach Hause kam. Hat sich über den Mund fahren und wegen der kleinsten Kleinigkeit beschimpfen und beschuldigen lassen.

Ihr Mann ist ein gläubiger Muslim aus dem Libanon, Ayse (Name geändert – die Red.) eine ungläubige Alevitin aus der Türkei. Er wünschte, sie würde ein Kopftuch tragen – doch keine Kizilbasch-Alevitin aus der ostanatolischen Provinz Dersim trägt ein Kopftuch. Er wünschte, sie würde sich dem Mann fügen – doch vor der Unterdrückung durch den Vater ist sie über 3000 Kilometer geflüchtet.

Wahrscheinlich wäre Ayses Leben anders verlaufen, wenn der Vater wie seine drei Brüder als Gastarbeiter in Deutschland geblieben wäre. Aber er hielt es in der Fremde nicht aus und kehrte Mitte der sechziger Jahre in seine ostanatolische Heimat zurück. Außer ihm, seiner Frau und ihren sechs Kindern lebten in dem kleinen Haus am Berghang noch seine Eltern, ein Bruder, eine Schwägerin sowie die Frauen und Kinder der drei Brüder in Deutschland.

Ayses Vater kommandierte die ganze 25-köpfige Großfamilie.

Er war intelligent und respektiert, aber auch gefürchtet. In aller Herrgottsfrühe, wenn Frauen und Kinder noch eng beieinander auf den Matten lagen, die zum Schlafen einfach auf der Erde ausgebreitet wurden, scheuchte er sie wie Tiere mit einem Stock auf. Bei kleinsten Anlässen schlug er um sich, trat nach Frauen und Kindern mit dem Fuß oder malträtierte sie mit Gegenständen, die er gerade in der Hand hielt. Kinder durften nicht am Tisch sitzen, Mädchen keine kurzen Ärmel tragen, lange Hosen waren noch mit Röcken zu bedecken. Später im Internat, wo Ayse aus Protest grundsätzlich nur Hosen trug, zog der Vater sie bei einem unangemeldeten Besuch wutentbrannt an den Zöpfen durch die ganze Klasse; vor Scham spürte Ayse nicht einmal Schmerz.

Als der Vater ihr eines Tages mit einem Messer nachstellte, sagte Ayse: „Ich möchte sterben.“ Sie wollte nicht mehr so leben wie sie musste. „Dann bist du mein Feind“, erwiderte der Vater ungerührt. Seitdem zog die widerständige Tochter möglichst oft mit der Viehherde auf entlegene Weiden, um dem Familienoberhaupt aus dem Weg zu gehen. An den stillen Berghängen kam ihre Seele zur Ruhe, doch die Ängste hatten sich längst tief in ihr festgesetzt.

Bis heute verfolgen sie die immer gleichen Albträume: Da wirft der Vater mit Steinen nach ihr, läuft wutentbrannt hinter ihr her, Ayse stürzt voller Panik in die dunkle Nacht hinaus, keucht atemlos einen Berghang hinauf, ruft um Hilfe – und wacht schweißnass auf vom eigenen Schrei. Im Studentenheim in Deutschland stand dann immer die persische Zimmernachbarin an ihrem Bett, besorgt, aber auch hilflos, weil sie nichts verstand. Denn Ayse träumte in Zazaki.

Wenn jemand in Deutschland sie fragt, woher sie komme, sagt Ayse: „Aus der Türkei.“

Manchmal sagt sie auch, sie sei eine Kurdin, denn die türkische Assimilationspolitik hat das kleine Zaza-Volk einfach den Kurden zugeschlagen. Dabei ist Zazaki kein kurdischer Dialekt, sondern eine eigenständige Sprache. Und im Unterschied zu den meist sunnitischen Kurden gehören die Zaza in Ayses Heimatprovinz Dersim den Kizilbasch-Aleviten an. In der Türkei bekennen sich etwa 2,5 Millionen Menschen zur Zaza-Volksgruppe, in Deutschland leben 150000 bis 200000 von ihnen.

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"Wo andere ein Gewissen haben, ist da nichts"

Die Psychologin Martha Stout hat mit "The Sociopath Next Door" einen US-Bestseller verfasst (auf Deutsch als "Der Soziopath von Nebenan" bei Springer, Wien, erschienen), in dem sie Aufklärung über die soziopathische Persönlichkeitsstörung leistet. Der gewissenlose Mensch, so schreibt die langjährige Dozentin am Institut für Psychologie der Harvard Medical School, sei wesentlich häufiger anzutreffen, als allgemein angenommen – und schade auch der Wirtschaft schwer.


Technology Review: Frau Stout, was ist ein Soziopath?
Martha Stout: Ein Soziopath ist ein Mensch, der nicht nur lügt, sondern für den das Lügen zu seinem Lebenstil gehört. Er oder sie ist eine Person, die keine Reue kennt – egal, was sie auch verbrochen hat. Der Soziopath übernimmt keinerlei Verantwortung, weder für andere Menschen, noch für Dinge, noch für sich selbst.

Gleichzeitig sind Soziopathen oft oberflächlich sehr charmant. Unter dieser Oberfläche sind sie aber eigentlich eiskalt und kennen keinerlei echte gefühlsmäßige Bindung zu anderen Menschen. Das Problem ist, dass viele Menschen leicht auf Soziopathen hereinfallen.


TR: Wie hoch würden Sie den Anteil der Soziopathen an unserer Gesamtgesellschaft einschätzen?
Stout: Rund vier Prozent. Das kommt einigen Leuten ziemlich viel vor – in Wahrheit dürften es aber sogar noch mehr sein, wie mir viele Kollegen im Vertrauen sagten. Ich bin auf den Wert gekommen, in dem ich mir die verfügbare Literatur vorgenommen und dann eine Meta-Analyse durchgeführt habe. Vier Prozent war dabei der Näherungswert.

Das heißt also: Eine Person in einer Gruppe von 25 ist soziopathisch veranlagt. Und selbst wenn die Zahl um die Hälfte danebenläge, wäre sie noch signifikant – so signifikant, dass es der Aufklärung der Bevölkerung bedarf.


TR: Gibt es internationale Unterschiede?
Stout: Studien, die in Fernost durchgeführt wurden, zeigen dort geringere Werte. Warum das so ist, weiß man allerdings noch nicht.


TR: In Ihrem Buch "The Sociopath Next Door" unterscheiden Sie scharf zwischen soziopathisch veranlagten Personen und Menschen mit anderen Formen von Persönlichkeitsstörungen – wie beispielsweise der narzisstischen. Lassen sich solche Unterscheidungen tatsächlich so deutlich vornehmen?
Stout: Es gibt sicher narzisstisch veranlagte Menschen, die den ein oder anderen soziopathischen Zug besitzen und Soziopathen, die auch teilweise narzisstisch sind – Letzteres dürfte sogar sehr häufig vorkommen. Wo ich aber eine ganz klare Linie ziehe – was ich auch in meinem Buch versuche – ist beim Gewissen. Soziopathen haben schlichtweg keines.
Es gibt außerdem keine andere klinisch feststellbare Persönlichkeitsstörung, bei der es nicht zu einem wie auch immer gearteten Unwohlsein kommt. Soziopathen stört ihre Erkrankung nicht – ihnen ist sie nur selten überhaupt bewusst. Damit sind Soziopathen auch eine Patientengruppe, bei denen der Behandelnde sich eingestehen muss, dass er fast keine Möglichkeit hat, gegen die Störung vorzugehen. Ganz einfach zusammengefasst: Wenn man kein Gewissen hat, kann man es auch nicht nachträglich wiederherstellen. Persönlichkeitsstörungen sind immer schwer zu behandeln, weil sie Teil der Persönlichkeit sind – aber hier ist es nahezu unmöglich. 


TR: Wie erklären Sie sich das?
Stout: Meiner Meinung nach liegt es daran, dass eine soziopathische Störung eine biologische Komponente hat. Es gibt signifikante Unterschiede im Gehirn, die wir bei anderen Persönlichkeitsstörungen nicht feststellen. Persönlichkeitsstörungen ergeben sich sonst eher aus äußeren Gegebenheiten – als Reaktion auf Probleme, beispielsweise in der Kindheit.
Zudem haben Soziopathen oft keine Motivation, sich in Behandlung zu begeben, weil sie einfach nicht leiden. Sie sind nicht einsam, weil ihnen andere Menschen eigentlich egal sind, während ein Narziss beispielsweise etwa wegen seiner Beziehungsunfähigkeit in Behandlung käme. Soziopathen denken häufig, dass mit ihnen alles in Ordnung ist – die Außenwelt ist das Problem, nicht sie. Deshalb kommen sie oft nur dann in die Praxis, wenn dies beispielsweise ein Richter angeordnet hat.


TR: Auch Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung haben enorme Probleme, die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen. Können Sie das zum Konzept des "Gewissens" bei der Soziopathie näher abgrenzen?
Stout: Ich erkläre das immer so: Bei einem Narzissten fehlt die Empathie völlig oder nahezu. Er versteht nicht, was andere fühlen – und das tut diesen anderen oft sehr weh. Ein fehlendes Gewissen ist das aber nicht. Es gibt durchaus Narzissten, die sich um andere Menschen sorgen – ihnen fehlt nur die Erkenntnis der Gefühle anderer. Der Narziss selbst kann aber fühlen – etwa traurig sein, lieben, leidenschaftlich sein.

Bei Soziopathen fehlt nicht nur die Empathie, sondern die eigene Gefühlswelt. Soziopathen können nicht lieben, sie empfinden nur Leere und Kälte. Ich weiß, dass das für viele Menschen sehr schwer begreifbar ist.

Das Gefährliche an Soziopathen ist aber, dass sie Empathie simulieren können – sie lernen, wie man sie vorspielt. Das wirkt auf andere Menschen häufig charmant, während Narzissten eher abstoßen.


TR: Wie "anders" sind Soziopathen?
Stout: In der westlichen Welt herrscht ein weit verbreitete Glaube: Wenn ein Mensch zu etwas Schlimmem fähig ist, dann ist jeder Mensch dazu fähig – jedenfalls unter den entsprechenden Bedingungen. Ich glaube allerdings, dass das nicht stimmt.

Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jeder von uns zu jeder Form schrecklicher Taten taugt. Das ist keine Fähigkeit, die wir alle besitzen. Es gibt Verhaltensweisen, für die es notwendig ist, dass ein bestimmter Bestandteil in unserer Gefühlswelt fehlt, den 96 Prozent von uns haben.
Das heißt nicht, dass ich nicht glaube, dass wir nicht töten könnten. Viele von uns könnten das, beispielsweise, wenn wir bedroht werden – oder jemand, der uns nahe steht. Aber das kalte, unfassbare, das Soziopathen beherrschen, ist keine grundlegend menschliche Eigenschaft.

Mir ist enorm wichtig, dass man das versteht und sich dagegen schützen kann. Ein Soziopath kann tun, was er will – egal, was es ist. Und zwar völlig kaltblütig. Das ist vielen Menschen schlicht unbegreiflich.


TR: In ihrem Buch beschreiben Sie, wie soziopathisch veranlagte Personen in Unternehmen schweren Schaden anrichten können – entsprechende Skandale gab es in den letzten Jahren immer öfter. Sollten Personalabteilungen Kandidaten vorher auf Soziopathie testen?
Stout: Erstens muss man sich klar werden, ob solche Tests mit einer offenen Gesellschaft in Einklang zu bringen sind. Die Frage an sich ist aber dennoch sehr interessant. Wir besitzen tatsächlich entsprechende Prüfungsmöglichkeiten, die sogar ziemlich genau sind und auch nicht besonders viel Zeit in Anspruch nehmen würden. Diese Tests sind außerdem recht schwer auszutricksen. Man verwendet sie in der Psychiatrie.

Die Frage bleibt aber, in welcher Situation man sie anwenden soll. Andererseits – ich meine, Firmen nehmen ja auch Drogentests bei ihren Angestellten vor. Mir hat kürzlich jemand erzählt, dass es beispielsweise bei kleinen Risikokapitalfirmen ausreicht, wenn nur ein Partner soziopathisch veranlagt ist und das alles nur für sich macht – dann geht die ganze Firma kaputt.
Also: Ich weiß es nicht – vielleicht lohnt es sich für kleine Unternehmen durchaus. Ich selbst würde mir aber nicht anmaßen wollen, über solche Tests zu entscheiden. Ich bin Psychologin und keine Politikerin. Interessant ist aber durchaus, dass wir diese Leute ziemlich leicht feststellen könnten. Es ist uns aber offenbar sehr unangenehm, es auch zu tun.


TR: Liegt das wirklich Gewissenlose außerhalb der menschlichen Vorstellungskraft?
Stout: Für einen normalen Menschen ist es kaum fassbar. Bei anderen Persönlichkeitsstörungen wie dem von Ihnen angesprochenen Narzissmus kann man sich irgendwie hineinversetzen – wir alle waren schon einmal gefühlskalt. Kein Gewissen zu haben und nicht einmal Gefühle für seine eigenen Kinder zu entwickeln, erscheint uns hingegen unbegreiflich. Das macht es auch so schwierig, die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, dass solche Leute unter uns wandeln und scheinbar ganz normal sind.


TR: Sie trennen sehr scharf zwischen Soziopathen und "normalen" Menschen. Ist es wirklich so einfach?
Stout: Ich glaube, dass es die Trennlinie gibt – Soziopathie ist hier die Ausnahme von der psychologischen Regel. Entweder hat man ein Gewissen oder man hat keines. Unter denjenigen, die ein Gewissen haben, gibt es aber feine Unterschiede: Es gibt Menschen, die haben ein ausgeprägtes Gewissen und solche, bei denen es geringer entwickelt ist – nicht jeder von uns ist eben eine Mutter Theresa. Bei Soziopathen ist da aber nichts – da ist ein Loch. Sie sind vielleicht nicht alle Killer, denn sie besitzen nicht alle Mordlust, aber das fehlende Gewissen ist eine ganz neue Qualität.

Wir kommen alle einmal in die Situation, wenn wir krank sind oder in anderen extremen Fällen, in denen wir weniger Gewissen zeigen. Aber das vollkommene, wortwörtliche Fehlen von Gewissen ist etwas ganz anderes.


TR: Wie behandelt man einen Soziopathen?
Stout: Wenn er sich tatsächlich in Therapie befindet, ist das eine eher mechanische Sache, normale Therapieformen greifen kaum. Es geht darum, das Verhalten zu kontrollieren. Soziopathen werden ganz anders motiviert als normale Menschen. Es hat etwas Erzieherisches: "Wenn Du das machst, gehst Du ins Gefängnis" oder "Das Verhalten hat diese materiellen Konsequenzen für Dich". Es geht um sehr, sehr einfache, grundlegende Dinge – A folgt auf B, wie ein Lehrer vor kleinen Kindern.

Ich habe mich einmal mit einem Mann unterhalten, der ein Programm für Menschen leitet, die wegen Alkohol am Steuer mehrfach verhaftet wurden. Ihm wurde irgendwann klar, dass sich darunter viele Soziopathen befanden. Er stellte seinen Ansatz daraufhin um: Früher versuchte er den Leuten zu erklären, dass sie anderen Menschen durch ihr Verhalten Schaden zufügen oder sie sogar töten könnten. Es stellte sich aber heraus, dass das diesen Delinquenten ziemlich egal war.

Inzwischen erzählt er seinen Kandidaten einfach die kalten, harten Fakten: Sie werden jedes Mal verhaftet, verlieren ihren Führerschein, sie werden nicht mehr mobil sein und so weiter. Das war die einzige Chance, ihr Verhalten zu ändern.


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Freundschaft

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Jani's Anmerkung: 

Die meisten Freunde sind wie Versicherungen,
wenn du sie wirklich brauchst,
stehst du im Regen und bist selbst Schuld an allem.


... aber bereits in der Bibel heißt es: "Wer sich auf Menschen verlässt, hat auf Sand gebaut."
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Warum Hochsensibel so gar nichts mit Empfindlichkeit zu tun hat


Psychologie - Hochsensible sind mehr als zart besaitet

Ein Fragebogen im Internet gibt Hinweise

Hochsensible werden häufig für schüchtern, zurückhaltend oder perfektionistisch gehalten. Dabei zeichnen sie sich ebenso durch eine rasche Auffassungsgabe aus - und "haben oft viele Talente und ein breites Interessenspektrum", sagt Ulrike Hensel, die Beratungsgespräche für Hochsensible anbietet. Sie beschreibt diese Menschen als gute Zuhörer, die kleinste Details erhaschen, welche anderen verborgen bleiben. Außerdem wollen sie mehr als andere "einen Beruf, der ihnen sinnvoll erscheint und der ihren Wertvorstellungen entspricht", so die Beraterin. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum Hochsensible sich oft in sozialen, ehrenamtlichen und künstlerischen Berufen wiederfinden.

Quelle

"Hochsensibel" sagt nichts darüber aus, ob ein Mensch zum Beispiel weich und zimperlich ist, oder ob er verhärtet ist und sich teilweise oder ganz von seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen abgeschnitten hat. Ein hochsensibler Mensch kann auch tapfer, mutig und stark sein. Es gibt Unternehmer, Künstler und Sportler, die vielleicht sogar aufgrund ihrer hohen Sensiblität besonders erfolgreich sind.

HSP - Institut

Hochsensible Menschen verstehen


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Essay zur Hochsensibilität

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von Janis Purucker 


"Hochsensibel?"
Wie viele verschiedene Stimmen und Meinungen kann ich mir allein zu diesem einzelnen Begriff vorstellen.
"Bist du irgendwie verrückt oder so??"
"Die denken wohl, sie sind was Besonderes!"
"Hab' ich noch nie gehört."
"Da will sich wohl jemand Vorteile erschleichen!"
"Oje, du Arme. Wie lange hast du das denn schon?"
"Im Leben darf man nicht so empfindlich sein, sonst geht man unter!"
"Ach, du Mimose, dich muss man immer wie ein rohes Ei behandeln."
"Ist das heilbar?"

Diese Beispiele noch weiter fort zu führen, bleibt der Fantasie eines Jedem selbst überlassen.
Man könnte sogleich versuchen, sie zu widerlegen, ihnen entgegen zu rufen: Nein, nein, nein, so einfach und pauschal ist das nicht! Aber es ginge vielleicht an unserer komplexen Realität vorbei, auch und gerade wenn wir von einer rein subjektiven Realität ausgehen, also der Sichtweise und Lebenserfahrung eines jeden Einzelnen.

Und so bleibt es natürlich auch einem Jeden selbst überlassen, sich seine eigene Meinung über das Thema zu bilden. 


Zunächst folgende Fakten:

- Bei Hochsensibilität handelt es sich nicht um eine subjektive Befindlichkeit, sondern um eine nachweisbare Veranlagung, und zwar um eine zum Teil sinnvolle und nützliche.
- Es ist keine Krankheit des Körpers oder des Geistes, sondern eine völlig natürliche Variation, wie z.B. blaue Augen.
- Allen bisherigen Erkenntnissen nach ist sie erblich bedingt (Zwillingsstudien und andere Forschungen weisen darauf hin), teilweise auch über zwei Generationen hinweg.
- Etwa 15 bis 20 %, also jeder 5. bis jeder 6. Mensch, der uns auf der Straße begegnet, ist hochsensibel. Die allermeisten wissen allerdings nichts davon.
- Entgegen landläufiger, wenig differenzierter Ansichten sind Männer ebenso häufig betroffen wie Frauen. Leider können Männer ihre Veranlagung seltener für sich selbst akzeptieren und offen dazu stehen, da unser Gesellschaftsbild immer noch sehr von klassischen Rollenbildern geprägt ist.

Forschung zum Thema
(Zusammenfassung aus den Büchern "Zart besaitet" und "Sensibel kompetent")


Der Begriff "hochsensible Person" (kurz "HSP") wurde durch die Psychologin Elaine Aron in ihrem Besteller "The Highly Sensitive Person: How to thrive when the world overwhelms you" geprägt.

Bereits Ivan Pawlow, ein russischer Physiologe der Jahrhundertwende, beschäftigte sich unter anderem mit der menschlichen Empfindsamkeit. Auf der Suche nach objektiver "Messbarkeit" der Empfindlichkeit fand Pawlow heraus, dass es einen markanten Punkt gibt, an dem ein Mensch bei Überstimulation "dicht macht".
Pawlow setzte seine Versuchspersonen extremem Lärm aus.
Überschreiten die Dezibel eine bestimmte Höhe, gehen Menschen auch gegen ihren Willen in eine Schutzstellung, bei weiterer Steigerung der Lautstärke werden sie irgendwann bewusstlos.
Es war zu erwarten, dass es Menschen gibt, die mehr aushalten, und andere, die weniger aushalten. Was Pawlow aber überraschte, war, dass es in der Empfindlichkeit zwei deutlich unterscheidbare Gruppen von Menschen gibt.
15 bis 20% erreichten den markanten Punkt der Überstimulation sehr schnell - doch dann kam lange nichts mehr, bevor schließlich die weniger Sensiblen nach und nach anfingen, unter dem Lärm bewusstlos zu werden.
Das heißt, es gibt in der Empfindlichkeit keinen fließenden Übergang zwischen den Menschen, nur diese zwei deutlich voneinander getrennten Gruppen, innerhalb derer es dann erst wieder fließendere Unterschiede gibt.
Pawlow fand auch über diesen Test hinaus eine Reihe von Gemeinsamkeiten bei den Menschen der empfindlicheren Gruppe. Er war davon überzeugt, dass diese Anlage zur Empfindlichkeit erblich ist.

Auch andere Forschungen aus jüngerer Zeit weisen stark darauf hin:
Jerome Kagan, ein Psychologe der Universität Harvard, stellte fest, dass hochsensible Säuglinge deutlich höhere Herzfrequenzen zeigten, ihre Pupillen sich unter Stress früher weiteten und ihre Stimmbänder sich eher spannten. Ihre Körperflüssigkeiten zeigten hohe Konzentrationen von Noradrenalin im Gehirn. Dieser Neurotransmitter wird im Körper aller Menschen in geringen Mengen produziert, wenn Adrenalin, das Stresshormon, hergestellt wird. Es weckt das Gehirn auf und bereitet es auf bevorstehende Denkprozesse vor.
Im Blut hochsensibler Menschen ist Noradrenalin oft in ungleich größeren Mengen vorhanden als bei nicht hochsensiblen. Das heißt, dass sie tendenziell ständig geistig auf ihren Einsatz warten.
Auch das Hormon Cortisol, das unter dauerhafter Erregung freigesetzt wird, war bei den von Kagan untersuchten hochsensiblen Kindern stärker vorhanden als bei der nicht hochempfindlichen Parallelgruppe. Auch in einer ruhigen Situation, etwa zu Hause, war die feststellbare Menge an Cortisol bei den HSP immer höher. Damit bestätigte Kagan die These von Pawlow, dass diese Unterschiede bereits ab Geburt feststellbar sind.
Hochsensibilität ist also nicht das Ergebnis einer besonders schweren oder behüteten Kindheit oder ähnlichem, sondern in fast allen Fällen bereits von Geburt an vorhanden.

Auch verblüffend: Selbst bei verschiedenen höheren Säugetieren konnte eine Subpopulation hochsensibler Individuen von etwa 15 - 20% ausgemacht werden. Es sind Individuen, die sich nicht kurzentschlossen in neue Situationen werfen, sondern erst innehalten, um die Lage genau zu erfassen. Manchmal wird ihnen dies zum Verhängnis, etwa wenn sie zu wenig angriffslustig sind, wo es nötig wäre. In anderen Situationen jedoch haben sie Vorteile, da sie sich nicht so leicht in Gefahr begeben und andere Mitglieder ihres Rudels vor drohenden Gefahren warnen können. Es kann daher angenommen werden, dass es für den Fortbestand vieler Arten günstig ist, wenn es eine Mischung von hochsensiblen und nicht hochsensiblen Vertretern gibt.
Wäre die Hochsensibilität also nur von Nachteil, wäre sie wohl durch die Evolution längst ausgerottet worden, da im Laufe dieser nur die anpassungsfähigste Spezies überlebte.
Wenn man an den Begriff des "Anpassens" denkt, scheinen HSPs oberflächlich gesehen nicht besonders dazu geeignet, da sie mit scheinbaren "Kleinigkeiten" öfter Probleme haben.
Beschäftigt man sich aber detaillierter mit der Geschichte der Menschheit, wird man feststellen, dass genau dieses "Nicht-Anpassen ", das "Anders-Denken", das "Ständige-Hinterfragen", das "Andere-Wege-Gehen-Müssen" von Hochsensiblen oft zu veränderten Verhaltensweisen sowie zu Entdeckungen und Erfindungen führte, die das Überleben unserer Spezies sicherten und tiefgreifende Fortschritte ermöglichten.
Und oft waren es eben auch nur "Kleinigkeiten", genaue Beobachtungen, die entscheidende Wendungen herbeiführten.

Diese und andere Stärken wiederzuerkennen, zu nutzen und zu einem neuen Selbstbewusstsein zu finden, obliegt den Hochsensiblen unserer Tage.
  
Gemeinsamkeiten von Hochsensiblen

Die folgende Aufzählung enthält viele mögliche (allerdings nicht alle) Gemeinsamkeiten der Gruppe der hochsensiblen Menschen, was aber natürlich nicht heißt, dass alle Punkte auf jeden zutreffen.
Die individuellen Empfindlichkeiten, Begabungen und Eigenheiten der Hochsensiblen sind breit gestreut und in den unterschiedlichsten Bereichen angesiedelt.
Dennoch gibt es Hauptcharakteristika, die auf eine Hochsensibilität hinweisen. Sowohl positive als auch negative.
Treffen viele dieser Punkte mehr oder minder zu, oder sind ein paar davon besonders stark ausgeprägt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, hochsensibel zu sein. Wer es genauer wissen möchte, macht den Test auf zartbesaitet.net.

- Die wichtigste aller Eigenschaften, die alle Hochsensiblen verbindet, ist: Eine erhöhte Empfänglichkeit für Reize und ein intensiveres Empfinden und Erleben. Die erhöhte Empfänglichkeit für äußere (z.B. Geräusche, Gerüche, etc.) und innere Reize (z.B. Vorstellungen, Gedanken, Erinnerungen) führt dazu, dass Hochsensible generell mehr Informationen wahrnehmen. Außerdem verarbeiten sie diese wesentlich tiefer und gründlicher als nicht hochsensible Menschen.
Weil sie aber mehr und stärker wahrnehmen, kommen diese Menschen auch schneller an den Punkt, an dem sie sich in eine "reizärmere" Umgebung zurückziehen möchten, also eine Art "Überstimulation".
Sie tritt auch bei nicht hochsensiblen Menschen irgendwann ein, z.B. bei einer Nacht in der Disco, nach der sie sich auf eine geräuscharme Umgebung freuen. Nimmt man aber einen Hochsensiblen, dessen erhöhte Empfänglichkeit laute Geräusche einschließt, wird er schon viel eher an diesen Punkt kommen, und wohl auch früher gehen. Aber Geräusche sind, wie schon erwähnt, nur ein Beispiel von vielen. 

Dazu eine persönliche Erfahrung:

Als ich das erste Mal über diese grundlegende Eigenschaft las, hörte sich das für mich zunächst sehr seltsam an, und ich war mir absolut nicht sicher, ob das bei mir wirklich zutrifft.
"Mehr Informationen aufzunehmen" als Andere, das konnte ich mir kaum vorstellen, denn, so dachte ich mir, - dann müsste ich das ja deutlich merken. Vielleicht müsste ich mich dann z.B. an mehr Dinge erinnern, die während des Tages passiert sind, als jemand, der mit mir das Gleiche erlebt hat. Aber das ist damit nicht gemeint.
Der Knackpunkt bei der Sache ist: Dieses "Aufnehmen", diese "erhöhte Empfänglichkeit" - sie geschehen meist unbewusst. Das heißt wiederum, der Hochsensible merkt gar nicht, dass er mehr aufnimmt und anders erlebt als andere.
Und da man ja noch nie ein anderer Mensch war und aus anderen Augen auf die Welt heraus geschaut hat, hat man auch keinen direkten Vergleich zu einem Normal-Sensiblen. Wir Hochsensible gehen also automatisch davon aus, alle nehmen die Dinge, die wir so intensiv und detailreich aufnehmen, gleich wahr. Aber die Wahrnehmung ist individuell sehr verschieden, selbst bei Hochsensiblen untereinander.
Es gibt jedoch weitere konkrete Eigenschaften, die bei Hochsensiblen sehr gehäuft auftreten, wie die nun folgenden zeigen. 

Weitere Eigenschaften der Hochsensibilität:

- Starke subtile (innere) Wahrnehmung: Ein reichhaltiges und vielschichtiges Innenleben. Ausgeprägte Fantasie und Gedankenwelten. Intensives Traumgeschehen. Endlose Nuancen der eigenen Stimmungen.

- Tendenz zu überdurchschnittlicher Intelligenz und/oder Kreativität und / oder Analyse- und Differenzierungsfähigkeit.

- Erhöhte Schmerzempfindlichkeit.

- Bemerken von Details: Hochsensible haben ein sehr gutes Auge für Details. Ihnen fallen Dinge auf, die anderen oft entgehen. Wo es auf detailgenaues, sorgfältiges Arbeiten ankommt, sind sie meist besser als Nicht-HSPs.

- Schnelligkeit vs. Genauigkeit: Da es bei vielen Dingen in unserer heutigen Gesellschaft eher um Schnelligkeit als um wohlüberlegtes Handeln geht, kommen HSPs damit oft nicht so gut zurecht. Auch Entscheidungen wägen sie normalerweise gut ab, unter Berücksichtigung der möglichen Folgen.

- Stress und Leistungsdruck: Unter Druck bringen Hochsensible meist nicht die Leistung, zu der sie eigentlich fähig wären. Stehen sie unter Dauerstress, leidet - so wie generell bei den meisten Menschen - auch darunter ihre Leistungsfähigkeit.

- Anfälligkeit für Stresskrankheiten: Wie man sich vorstellen kann, sind HSPs - bei ständiger "Überstimulation" - damit leider auch eher gefährdet, an Stresskrankheiten wie "Burn-Out" zu erkranken.

- Empfindsamkeit für Kunst, Musik und/oder Naturstimmungen: 92% der Hochsensiblen fühlen sich durch diese Dinge stark bewegt. Manche auf diesen Gebieten Interessierte und Begabte machen ihre Empfindsamkeit daher auch erfolgreich zum Beruf.

- Vielseitige Interessen & hohe Begeisterungsfähigkeit: Soviele interessante Dinge, die es zu erfahren gilt, und nur so wenig Zeit. Viele HSPs sind von Natur aus neugierig und vielseitig interessiert. Themen wie Geschichte, Philosophie, aber auch die Logik der Mathematik und der Naturwissenschaften, oder die kreative Welt der Künste, etc. pp. - HSPs sind für vieles offen und informieren sich. Ein hohes Allgemeinwissen ist deshalb nicht selten bei ihnen anzutreffen.
Wenn sich Hochsensible für etwas begeistern, sei es ein bestimmtes Hobby, ein Beruf, oder auch nur ein besonderes Erlebnis - dann ist ihre Begeisterung tatsächlich sehr groß, und ebbt normalerweise nicht so schnell ab. Oft sind sie wie versessen und vergessen die Welt um sich herum.

- Feinwahrnehmung von Befindlichkeiten, Stimmungen und Beziehungsqualitäten: Der körperliche und psychoemotionale Zustand anderer, oder die aktuelle Qualität ihrer Beziehungen werden von einem in dieser Eigenschaft begabten HSP oft schon erkannt, bevor die betreffenden Personen sich dessen selbst bewusst sind.

- Gutes Einfühlungsvermögen: Die Fähigkeit, sich in viele verschiedene Stimmungen und Gefühle und deren Intensität hineinversetzen können, macht viele Hochsensible zu verständnisvollen Zuhörern und differenzierten Gesprächspartnern. Für diese HSPs sind tiefgehende Gespräche oft ein wichtiger, erfüllender Lebensinhalt. Aber auch hier lauert - wie überall - die Gefahr der Überstimulation, da die Informationen genauer aufgenommen und intensiver verarbeitet werden.

- Starke Beeinflussung durch die Stimmung anderer Menschen: Durch eben dieses Einfühlungsvermögen werden jedoch auch viele HSPs von den Stimmungen anderer Menschen beeinflusst. Arbeitet z.B. ein Kollege im selben Raum, der sich über etwas sehr ärgert, verspürt auch so mancher Hochsensible bald ein ähnliches Gefühl. Er "spiegelt" quasi automatisch.

- Ausgeprägte Intuition: Einzelheiten unbewusst aufzunehmen und diese in Beziehung zu setzen, geschieht bei vielen Hochsensiblen automatisch. Das "Bauchgefühl" entscheidet oft für sie, ohne dass dabei das lineare Denken oder die Sinne in bewusster Weise bemüht werden.

- "Nachhall" von Emotionen und Erlebnissen: Manche Erlebnisse und die damit verbundenen Gefühle beeinflussen HSPs oft noch Stunden, Tage oder sogar Wochen danach. Sie kreisen noch immer in ihren Gedanken und Erinnerungen, und teilweise spüren sie auch die gleichen Emotionen, so als wäre das Erlebnis noch immer gegenwärtig.

- Tiefe Reflexion, Nachdenken und Nachempfinden: HSPs denken über fast alles nach und sie reflektieren meist sehr gut über ihr eigenes Innenleben.

- Denken in größeren Zusammenhängen: Vor allem erfahrene Hochsensible hüten sich vor täuschend einfachen Denk- und Erklärungsmustern. Pauschalisierungen und Klischees lehnen sie daher aus gutem Grund oft ab. Ihr System der "Schubladen", das dennoch ein Jeder braucht, um Menschen und Situationen richtig einschätzen zu können, ist dann jedoch - in Extremfällen - so vielfältig und komplex, dass es nicht unbedingt dazu beiträgt, "klarer" zu sehen.

- Mitgefühl und Altruismus: Jedem Menschen helfen zu können, der Hilfe benötigt, ist unmöglich, und doch gibt es so einige HSPs, die diesen Wunsch ihr Leben lang hegen. Viele ergreifen deshalb auch einen helfenden Beruf, z.B. im Gesundheitswesen. In unserer Zeit verzweifeln jedoch viele an der Massenabfertigung, die mittlerweile in diesem Bereich herrscht.

- Empfindsamkeit für Temperaturen / Luftqualität: Eine schmälere Behaglichkeitszone in punkto Hitze oder Kälte, das heißt, es ist ihnen schneller zu heiß oder zu kalt. Stickige Sommer oder eisige Winter sind daher für temperaturempfindliche HSPs schwerer zu ertragen.
Auch verräucherte oder übelriechende Luft, Gerüche, die Andere kaum oder nur unterschwellig wahrnehmen, können Stress bedeuten. Regelmäßig zu lüften ist deshalb für Manche ein Muss.

- Gerechtigkeitssinn und Harmoniebedürftigkeit: Viele Hochsensible verabscheuen Unfrieden und Streit, ebenso offensichtliche Ungerechtigkeiten. Sie tun, was sie können, um diese Dinge zu vermeiden und ihnen entgegen zu wirken. Manche ziehen sich bei Konflikten um der Harmonie willen auch lieber zurück.

- Gewissenhaftigkeit: Ist ein HSP von einem Projekt, einer Aufgabe, oder einem Ziel überzeugt, steht er normalerweise sehr stark dahinter. Er würde niemals wissentlich zu einer Gefährdung dessen beitragen, wenn er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könnte. Auch in Bezug auf Menschen, die er respektiert, zeigt er große Loyalität.

- Perfektionismus und Fehler - Sensibilität: Manche HSPs sind wahre Perfektionisten, sie versuchen unter allen Umständen, Fehler zu vermeiden. Auch fallen ihnen Fehler anderer eher auf, weshalb sie oft als "pedantisch" gefürchtet sind. Bevor sie etwas nur halb oder nicht "gut genug" in die Tat umsetzen können, lassen sie es lieber gleich ganz bleiben.
  
- Uneinheitliches Persönlichkeitsbild & schwächer ausgeprägte Geschlechtsstereotypien: Die Persönlichkeiten vieler Hochsensibler sind nicht linear und allzu einfach in eine Schublade zu stecken. Oft vereinen sie beinahe gegensätzliches in sich. Ob sensibel und gleichzeitig wagemutig, ängstlich aber Horrorfan, oder optimistisch und auf der anderen Seite voller Weltschmerz - eine komplexe Persönlichkeit lässt sich oft schwer einschätzen. Auch "Geschlechtsstereotypien" wie z.B. Männer & Fußball, Frauen & Romantikschnulzen, etc. lassen sich auf Hochsensible seltener anwenden. Dafür sind sie durch diesen Umstand jedoch auch vielseitige und interessante Menschen.

- Starke Reaktionen auf Medikamente und/oder Alkohol und/oder Koffein: Für manche HSPs ist die übliche Dosierung von Medikamenten viel zu hoch, da sie sehr empfindlich darauf reagieren. Teilweise vertragen sie sie auch gar nicht oder kämpfen gehäuft mit Nebenwirkungen. In diesem Fall ist es ratsam, ein Medikament erst auf Verträglichkeit zu testen, oder eine geringere Dosis als üblich einzunehmen.
Auch Alkohol und Koffein wirken sich auf manch einen verstärkt aus.

- Gefühle der Verbundenheit: HSPs "investieren" oft viel in ihre Beziehungen zu manchen Menschen ihrer Umgebung und spüren starke Gefühle der Verbundenheit, beispielsweise in einer guten Freundschaft. Leider haben auch viele das Gefühl, als würden ihre Gefühle nicht in dieser Form erwidert, so als wäre dem Anderen die Freundschaft nicht so wichtig, und wisse sie nicht so sehr zu schätzen. Tatsächlich ist es so, dass jeder Mensch eine andere Auffassung von Freundschaft hat - von relativ oberflächlicher Plauderei im Café um die Ecke bis zu einer engen Vertrauensbasis, auf der man vieles teilt. Um richtig gute Freunde zu finden, die dieses Verbundenheitsgefühl teilen, bedarf es also oft einer längeren Suche - dafür halten diese Verbindungen aber größtenteils auch sehr lange.
Auch in Beziehungen wünschen sich HSPs meist große Nähe und starkes Vertrauen auf beiden Seiten.
  
- Erhöhte Tendenz zu Allergien.

- Introversion/Extraversion: Laut Umfragen bezeichnen sich etwa 70% aller Hochsensiblen als introvertiert, allerdings auch ganze 30% als extrovertiert. Es gibt also auch einen Anteil HSPs, die sehr aktiv auf Leute zugehen und energisch und bestimmt auftreten.
Wobei man berücksichtigen muss, dass extreme Ausprägungen an Intro- oder Extraversion generell eher selten sind, auch hier sind vorwiegend Mischformen zu finden.
Zur Introversion ist folgendes zu sagen: Viele Hochsensible werden automatisch als schüchtern bewertet, weil sie in sozialen Gruppen eher beobachten, als zu handeln oder sich in den Mittelpunkt zu stellen. Introversion ist allerdings nicht unbedingt gleich Schüchternheit. Trifft man z.B. den gleichen HSP, der in einer bestimmten Gruppe oder Situation eher zurückhaltend auftritt, an einem anderen (vielleicht weniger überstimulierenden) Ort, unter anderen Umständen, oder nur zu zweit, kann er wie ein anderer Mensch erscheinen, denn von der vermeintlichen Schüchternheit ist dann oft kaum noch etwas zu spüren. Hier liegt der Unterschied zur wahren Schüchternheit. 

- Unreflektiertes Schließen von sich auf Andere: Da die meisten HSPs nicht wissen, dass es zwei voneinander relativ klar getrennte Sensibilitäts-Gruppen gibt, schließen sie trotz - oder auch gerade wegen - ihrer guten Selbstreflexion einfach so auf andere, und schätzen sie dadurch vielleicht falsch ein.
Dieser Mechanismus findet sich auch bei weitem nicht nur bei Hochsensiblen, hier fußt er jedoch auf dem Grund, dass ein Hochsensibler ja davon ausgehen muss, dass alle Menschen in ihrer Sensibilität ähnlich veranlagt sind. Das scheinbar absichtlich "verletzende" Verhalten eines Freundes, die stundenlange "laute" Musik aus der Nebenwohnung, etc. pp. - ein unerfahrener HSP kann nicht wissen, dass anderen Menschen diese Dinge nichts ausmachen, oder dass sie sie einander zumuten, ohne lange darüber nachzudenken oder sie zu bemerken.
Erst wenn er weiß, dass dem tatsächlich überwiegend so ist, versteht er, dass er teils falsche Rückschlüsse gezogen hat, da ein anderer Mensch in dieser Hinsicht eben auch wirklich "anders" ist. Missverständnisse sind also quasi vorprogrammiert, und Toleranz zu üben ist deshalb - sowohl für HSPs als auch für Nicht-HSPs - nicht leicht. Aber wir alle stehen - und das nicht nur in der Sensibilität - auf unterschiedlichen "Leveln", beeinflusst durch Gene, Erziehung und das gesellschaftliche Umfeld; wir nehmen die Welt mit völlig unterschiedlichen Augen und Gefühlen wahr, wie auch neueste Forschungen immer mehr zeigen. Toleranz und eine offene, konstruktive Kommunikation sind also unerlässlich, um eine positivere soziale Struktur zu erlangen.  

Umgang mit der Hochsensibilität

Da man als Hochsensibler nicht "erwarten" kann, dass die Welt sich auf die eigenen Bedürfnisse einstellt und Rücksicht auf Dinge nimmt, die den 80 - 85 % der Normal-Sensiblen gar nichts ausmachen, kann man dennoch versuchen, durch einen guten Umgang mit seiner Veranlagung damit einhergehende Belastungen soweit wie möglich zu reduzieren.
Ebenso wünschenswert ist es, die vielen positiven Seiten der Hochsensibilität nutzen und genießen zu können, privat und/oder auch beruflich.
Um dies zu erreichen, ist oft viel an Kraft und ausgeprägter Persönlichkeitsentwicklung nötig, was aber - so denke zumindest ich - bei jedem Menschen mehr oder weniger nötig ist, um persönliche Ziele im Leben erreichen zu können. Bei Hochsensiblen gestaltet sich dies teilweise nur anders. Um z.B. nicht einer ständigen Überstimulation ausgesetzt zu sein, muss man erst einmal wissen, welche Dinge übermäßigen Stress verursachen, erst dann kann man nach einer Lösung suchen.

Manchen Hochsensiblen helfen etwa Praktiken wie Meditation oder Yoga, die aufgenommenen Informationen des Tages verarbeiten zu können. Auch die verschiedenen Künste, Religion, Spiritualität, Sport, Hobbys oder Handwerk sind für Viele ein bedeutsamer Lebensinhalt und ein wichtiger Ausgleich.

Außerdem hilft es den meisten Hochsensiblen, überhaupt erst zu erfahren, dass ihre Veranlagung völlig natürlich ist, und sie damit bei weitem nicht alleine sind. Deshalb ist es sehr wichtig, das Thema in der Öffentlichkeit besser bekannt zu machen. 

Beruf / Berufung / Privatleben

Manche Hobbys oder Aktivitäten können auch zum Beruf gemacht werden, was jedoch nicht leicht ist, so wie der Weg zur Berufung (als Unterschied zum Beruf) für einen HSP generell eher schwierig ist. Viele von ihnen finden erst in fortgeschrittenem Alter die Tätigkeit, die sie erfüllt, nachdem sie jahrelang "Frondienst" auf Gebieten geleistet haben, die ihnen nicht liegen, und in denen sie keinen wahren Sinn sehen, außer natürlich dem, Geld zu verdienen und über die Runden zu kommen.
Nun kann der Kritiker rufen "das geht vielen Leuten so! Die können das auch nicht ändern!", und er hat wohl absolut recht damit. Nicht nur in unserer heutigen Zeit der Massenarbeitslosigkeit, vor allem in früheren Zeiten ging es oft schlichtweg ums Überleben, und dafür musste immer hart gearbeitet werden, ohne Rücksicht auf eigentliche Interessen und Begabungen. Dennoch ist es für viele Hochsensible - wie generell für einige Menschen - auf lange Sicht schwer zu ertragen, ihre eigentliche Berufung nicht leben zu können. Seine Träume nicht aufzugeben und in kleinen Schritten darauf hinzuarbeiten ist daher oft der einzige Weg, um sein berufliches "Glück" zu finden.

Ähnlich steht es tendenziell auch im Privatleben, denn manche HSPs finden ihren Partner fürs Leben erst sehr spät - wenn überhaupt. Stetige Entwicklung und schmerzhafte Erfahrungen sind oft vonnöten, bis eine Beziehung entsteht, die ein Leben lang hält. Aber auch das kommt sicher vielen Menschen bekannt vor, bei Hochsensiblen tritt es nur gehäuft auf und resultiert aus teils anderen Gründen. 

Buchtipps

In den Büchern "Zart Besaitet" und "Sensibel kompetent" gibt es viele weitere Tipps zum Umgang mit Hochsensibilität. ("Zart besaitet" beschreibt das Thema allgemein, in "Sensibel kompetent" liegt der Fokus vor allem auf dem Beruflichen.)


Auf meiner Linkliste finden Sie die besten Webseiten zum Thema.


Achtung: Das Essay wird noch überarbeitet und erweitert. Updates auf der Startseite.
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Die Geschichte vom Gras

Vor langer Zeit bestellte der große Herrscher der Wüste einen seiner Verwalter zu sich:

„Mein Knecht, du weißt, ich lasse viele grünen Wiesen in der Wüste wachsen und habe fruchtbare Gärten in der trockenen Einöde geschaffen. In einem entlegenen Seitental wächst eine neue grüne Wiese zwischen all den Felsen. Geh hin uns pflege sie, damit sich das Gras dort trotz der widrigen Umstände entwickeln kann.“

Der Verwalter machte sich auf und erreichte nach einer langen Reise das besagte Seitental. Er fand dort tatsächlich eine frische und noch sehr junge Blumenwiese, die der Herrscher dort wachsen ließ. Sofort machte er sich gemäß seinem Auftrag an die Gärtner-Arbeit:

Zuerst streute er guten Dünger auf die Wiese und trug ein paar Steine weg. Dann baute er mühevoll einen stabilen Zaun um die Wiese, um sie zu schützen. Direkt daneben errichtete er sich ein Gärtner-Häuschen. Es war eine harte, mühevolle Arbeit. Jeden Morgen freute er sich über die immer kräftigeren, grüneren Halme und die bunten Blumen, die unter seiner Pflege gediehen. Die Wüste war heiß und tödlich, aber im Zaun und unter der liebenden Hand des gärtnernden Verwalters war mitten in diesem Seitental der Wüste ein schöner, bunter und lebendiger Garten entstanden.

Nach langen, fruchtbaren Jahren berief der Herrscher den Verwalter aus dem Seitental ab. Er gab ihm zu Ehren im Palast einen großen Empfang und zeichnete ihn aus, weil er die Pflanzen, die der Herrscher wachsen ließ, gut gehegt und gepflegt hatte.

Stattdessen schickte der Herrscher andere Verwalter, die sich um die weitere Pflege kümmern sollten. Es wurden mehr Verwalter dorthin gesandt. Diese bauten weitere Gärtnergebäude. Die Jahrhunderte kamen und gingen und mit ihnen immer neue Verwalter, die jeweils von ihren Vorgängern die Arbeit übernahmen.

Lange Zeit später reiste ein Inspekteur des Herrschers in dieses Seitental der Wüste. Er wollte nachzusehen, wie es den Pflanzen des Herrschers dort ginge. Er brachte schlechte Nachrichten zurück in den Palast des Herrschers:

„Mein Herrscher, deinen Gewächsen in diesem entfernten Seitental geht es schlecht. Die Verwalter kümmern sich immer noch um den Garten. Sie mühen sich ab in dem Gebiet, dass die ersten Verwalter eingezäunt haben.

Doch die Wüste hat sich den größten Teil der Wiese zurück geholt. Innerhalb des Zauns wachsen nur noch an wenigen Stellen grüne Pflanzen, das meiste ist kahles Geröll und trockener Wüstensand. Deinem Garten in dem Seitental geht es schlecht!”

Doch der Herrscher entgegnete ihm:

„Du irrst dich wie die heutigen Verwalter! Wärst du etwas im Tal umhergezogen, hättest Du wunderbare fruchtbare Wiesen gesehen, die ich wachsen lasse.

Leider wird all das von den heute arbeitenden Verwaltern nicht mehr gesehen, weil es auf der anderen Seite außerhalb ihres selbst errichteten Zauns wächst.

Während die ersten Verwalter sich um das Gras kümmerten, dass ich an einer von mir gewählten Stelle wachsen ließ, kümmern sich die heutigen Verwalter nur noch um den Teil des Tales, den die ersten Verwalter eingezäunt haben. Sie orientieren sich nur noch an dem, was Menschen einmal organisiert haben.

Aber meine Wiese ist lebendiger als es die Verwalter sehen, die nur diesen Platz der Vergangenheit pflegen.“




Quelle

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Sonntag, 3. Juli 2011

Warum Gott Weihnachten erfand

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Und auch wenn der Sommer noch kaum wirklich da war, die nächste Adventszeit kommt bestimmt. Und daher wollen wir Sie jetzt schon über unser neuestes Projekt informieren.
Geht es Ihnen nicht auch so, …
  • dass Sie jedes Jahr wieder den Eindruck haben, dass die Vorweihnachtszeit Ihnen und Ihrer Gemeinde nur Stress beschert?
  • dass es kaum gelingt, sich in der Adventszeit auf die Bedeutung von Weihnachten einzulassen?
  • dass die revolutionäre Botschaft der Weihnacht unter lauter Geschenken, Feiern und Weihnachtsgedudel jedes Jahr regelrecht begraben wird.

Wenn ja, dann ist die Adventskampagne von Rick Warren vielleicht etwas für Sie und Ihre Gemeinde. 

Lothar Bublitz, Pastor der St. Matthäus Gemeinde in Bremen, die diese Kampagne im Advent 2009 durchgeführt hat schreibt:
„Was soll man noch zu einer Aktion sagen, bei der die Gemeindeglieder das dazu verfasste Buch gleich dutzendweise kaufen, um es Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunden zu schenken!
Was wünscht sich ein Pastor mehr, als dass Gemeindeglieder ihm nach dem Gottesdienst sagen: Das war eine der attraktivsten Adventsgottesdienst-Reihen, die wir je erlebt haben!
Die Adventskampagne „Drei Geschenke für dich“ ist eine Steilvorlage für jede Gemeinde, die sich in der Advents- und Weihnachtszeit nicht nur auf sich selbst beschränken will.
Das kleine, aber erstklassige Buch von Rick Warren bringt die Botschaft von Weihnachten einladend auf den Punkt. Das Predigtmaterial und die Anregungen für die Gottesdienste helfen ansprechende und evangelistische Gottesdienste zu gestalten, zu denen man gerne seine Nachbarn einlädt. Das Kleingruppenmaterial lädt Menschen ein, die Hauskreise für neue Besucher zu öffnen. Alles ist so gut vorbereitet, dass man unendlich viel Vorbereitungszeit spart.
In der Advents- und Weihnachtszeit  beschäftigt sich die ganze Welt mit einem Thema. Warum nicht diese Offenheit nutzen, um ihnen die wahre Bedeutung von Weihnachten vorzustellen?.“

Quelle

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Eines Tages wurde Herr K. gefragt, ob er an Gott glaube. Er antwortete: „Ich rate Dir, darüber nachzudenken, ob es Dein Verhalten ändern würde, wenn Du an Gott glaubst. Würde sich nichts ändern, dann kannst Du diese Frage fallen lassen. Würde sich etwas ändern, dann kann ich Dir sagen: Du brauchst Gott“.
 
 
 
 


Diese Geschichte von Bertolt Brecht stimmt nachdenklich. Für Brecht ist die Frage, ob es einen Gott gibt, keine theoretische Angelegenheit. Sie hat tiefgreifende Konsequenzen. Bei dem, der angibt, an Gott zu glauben, aber bei dem sich nichts ändert, der glaubt wahrscheinlich doch nicht. Die Bibel gibt Brecht auf der ganzen Linie recht. Fruchtbarer – wahrer Glaube ist nur da, wenn er verändert. Glaube ist mehr als annehmen, als für wahr halten.



Ich glaube, dass es warm wird, weil ich am Himmel keine Wolken sehe und es Sommer ist. Dieser Glaube ist eine Folgerung und Mutmaßung über das, was wir als Möglichkeit für wahrscheinlich erachten. Glaube, der das Leben ergreift und errettet ist Ergriffen-sein, ist Liebe, ist Vertrauen, ist Feuer.



Als der Mathematiker Blaise Pascal sich bekehrte, da schrieb er dieses Erlebnis auf und nähte den Text in seinen Mantel ein. Dieser Text beginnt so: „Feuer. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Nicht der Gott der Gelehrten und der Philosophen“. Es wird deutlich. Die Väter des Glaubens waren keine Theoretiker. Sie brannten. Ließen sich auf ungewohnte, neue Wege ein. Riskierten einfach Kopf und Kragen. Ließen alles stehen und liegen, um diesem Gott zu folgen.



Als die christlichen Missionare zu den Germanen gingen, suchten sie ein treffendes Wort für das, was sie bewegte. Und sie fanden das Wort Glauben. Es kommt von Geloben. Es bedeutet, dass ein Mensch jemandem nachfolgt. Bei den kriegerischen Germanen bezog sich das Gelöbnis meist auf die Nachfolge in den Krieg. Der Soldat gelobte seinen Herren durch das „Feuer“ für ihn zu gehen. Ihm in die Schlacht zu folgen. Und als Lehenshaltung wurden die Hände gefaltet, damit der Lehensnehmer seine Hände darüber halten konnte; sie gewissermaßen einbindet. So wurde mit dem neuen Begriff für den Glauben zugleich eine neue Haltung erfunden (in der alten Kirche gab es als Zeichen beim Gebet nur die nach oben geöffneten Arme). Glaubst Du noch oder brennst Du schon. Dieser Satz drückt das einfach aus. Und deutlich. Glaube ist nichts für Weicheier, nichts für Stubenhocker, nichts für halbe Portionen, nichts für Warmduscher. Und da ich immer die Gefahr sehe, mich zu diesen Leuten zu gesellen, merke ich, dass Glaube vor allem auch Gnade ist. Dass mir einer, dass mir der Eine so zu – geneigt ist (so wurde das Wort Gnade ins Deutsche übersetzt), dass ich Angst und Bequemlichkeit fallen lassen kann.


Herr gib mir – gib uns allen einen wahren brennenden Glauben.

 
von Bella Ella 
 
 

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