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Donnerstag, 10. Dezember 2015

Der Suppenkasper

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von Archi W. Bechlenberg
Wollen wir gar nicht lange hinterfragen, ob das inszeniert ist: Ein syrischer Flüchtling kocht Obdachlosen in Berlin warmes Essen und bezahlt die Zutaten von seinen monatlich 350 Euro Asylgeld. Ein ZDF TV Team ist rasch zur Stelle und berichtet darüber, und 12.000 Facebookmitglieder liken es. Mission erfüllt.

Gut, es ist die dunkle Jahreszeit, verlorene Geldbörsen sind nicht mehr so leicht zu finden, ebenso wenig die Fundbüros, und laufende Kameras und Lokalreporter haben ja auch noch anderes zu tun. Da kommt ein Suppenkoch gerade recht, um mal wieder eine Anekdote unter die Leute zu bringen. Anekdoten, wir erinnern uns: auf diesen launigen Geschichten basiert das Weltbild all derer, die es mit relevanten Fakten nicht so haben. Ihnen helfen Zuckerkügelchen gegen Beschwerden wie Schlaflosig- und Dauermüdigkeit , gegen Zähneknirschen sowie gegen Angst den Verstand zu verlieren (ich empfehle hier Calcium carbonicum oder ein 16t Gewicht aus zwei Meter Höhe).

Der Syrer ist vielleicht tatsächlich keine Sockenpuppe, sondern ein netter, mitfühlender Mensch, und dafür gebührt ihm Anerkennung. Nicht endenwollend begeistert ist das ZDF, das die zunächst als Tweet verbreitete Geschichte in bewegte, bewegende Bilder umsetzt und am Ende des Berichts mit einer Hammerpointe aufwartet: ein weiterer Migrant habe bereits Mithilfe angeboten! Wenn einem soviel Gutes wiederfährt, dann ist das einen Teller Brühe wert. Während die Kanzlerin “ihrem” Volk eine Suppe eingebrockt hat, an der nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa zu ersticken droht, bekommen jetzt wenigstens Obdachlose in Berlin einen segensreichen Löffel, für diese Leute hatte das “reiche Land” nämlich offenbar ansonsten keine Mittel. Rundum sättigend schließt sich nun der Kreis der heilen Welt für alle Suppenkasper, die einen solchen Bericht als klaren Beweis dafür bejubeln, dass doch noch alles gut wird. Und wenn auch morgen die Welt unterginge, ich würde heute noch ein Süppchen kochen.

Kritische Stimmen, die den Bericht des ZDF und die Werbung dafür bei Facebook nicht ganz so fraglos schlucken, werden nach gewohnter Manier niedergemacht. (“Ekelhaft!” “Alles schlecht machen!” “Was tust du denn für Obdachlose?” “Fresse halten!” “Braune Socken”) Immerhin, es gibt auch kritische Stimmen in der Diskussion bei Facebook, und es fällt auf, dass nicht wenige Skeptiker auf ihre Vergangenheit als DDR Bürger hinweisen und sich mit Propaganda daher ganz gut auskennen. Auch nach 25 Jahren Befreiung glaubt der Ossi immer noch nicht wirklich alles, es sei denn, er ist heute in der 1. Reihe des Staates tätig.

Ansonsten regiert bei den Dunkeldeutschen immer noch eine gewisse Renitenz in Glaubensfragen. Wenn die Verantwortlichen für den frömmelnden Film dann auch noch den dummen Fehler machen und das Einkommen des Suppenspenders falsch beziffern, trägt dies auch nicht gerade zur Glaubwürdigkeit bei. Gänzlich zur Lachnummer werden die Redakteure, wenn sie den Vorwurf der Manipulation nur damit kontern können, sie seien auch für die gefakete Mondlandung und den Tod von Elvis verantwortlich. Nein, liebes ZDF, wir wollen mal nicht übertreiben. Ihr seid und bleibt die Meister der ganz kleinen Form.

Eine Googleanfrage nach dem Namen des Syrers ergibt stramme 151.000 Fundstellen; kein Wunder, von Bild über Tagesspiegel, Huffington Post und n-tv bis hin zu britischen, us-amerikanischen und kanadischen Medien haben sich die Anekdotenliebhaber aller Länder vereinigt; selbst auf Spitzbergen oder im Taka-Tukaland dürfte der Duft der (hoffentlich veganen!) Suppe die Gaumen inzwischen zum Schmelzen gebracht haben. Niemandem in den Redaktionen scheinen ein paar naheliegende Fragen in den Sinn gekommen zu sein. Man muss für berechtigte Fragen gar nicht einmal kleinlich sein und sich zum Beispiel darüber wundern, dass er das überhaupt tun kann, ohne dass ihm ein Amt gleich in die Suppenkelle grätscht. Nein, es gibt auch so genug fragwürdiges. Der Syrer hat bereits 2007 sein Land verlassen? Was hat der “IT-Ingenieur” seither gemacht? Wieso muss er immer noch mit 350,- im Monat auskommen? Wieso konnte das reiche Deutschland bisher für Obdachlose keine Suppe brauen? Warum ist das überhaupt eine Meldung wert? Wo bleiben die Filme über unzählige, einheimische freiwillige Helfer? Warum lehnt der arme Mann Spenden von Unterstützern ab? Könnte er dann nicht noch viel mehr Gutes tun? Und warum gesellen sich nicht weitere Zuwanderer, vielleicht sogar Flüchtlinge hinzu? Jedes Böhnchen gäbe ein Tönchen. Und überhaupt: Cui bono?

Gerade an dem Hype, der um diese Anekdote gemacht wird, erkennt man, dass sie keinerlei Aussagekraft bezüglich der tatsächlichen Probleme durch die Migrationswelle besitzt. Offensichtlicher kann gar nicht Propaganda für Merkels “Wir-schaffen-das-Mantra” gemacht werden als so. Hier wird mit plumpen Mitteln ein Einzelfall (Einzelfall, der, Substantiv, maskulin: Ein bedauerliches Vorkommnis ohne Relevanz, in Einzelfällen allerdings auch mit) hochgespielt, und die Gutgläubigen schlucken ihn wie Globuli gegen Kollern im Bauch und Flatulenz.

Ja, ich weiß: ich soll “die braune Fresse halten”. Ich mache alles schlecht. Ich soll erst mal selber Suppe verteilen. Geschenkt. Wer Fragen stellt, wer sich wundert, wer nicht alles dankbar schluckt, ist mindestens ein Miesmacher, zuerst und vor allem natürlich ein Nazi. Oh ruhet sanft, ihr Anekdotenanhänger. Schlürft sie weiter, die Suppe der frommen Denkungsart. Hinterfragen und ein wenig weiter denken ist eure Sache nicht. Ihr rechtfertigt eure Naivität, indem ihr Erich Kästner bemüht, dessen “Es gibt nichts gutes / außer man tut es” ihr betet und voller Sinn für Kitsch in Grafiken bettet, die ihr in den “sozialen Medien” verteilt und dabei gar nicht versteht, dass Fragen, Zweifeln, Kritisieren und Warnen auch nichts anderes ist als “etwas tun”.







Zuerst erschienen auf “Herrenzimmer” dem Blog des Autoren, der in Belgien lebt.




Achse des Guten
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