Dienstag, 15. Februar 2011

Wenn die Heiligen lauschen

Foto: Windsbacher Knabenchor / Mila Pavan
   Links: Hans Thamm, Gründer des Windsbacher Knabenchors, dirigiert eine »Lorenzer Motette« unter dem »Englischen Gruß« in der Nürnberger St. Lorenzkirche (rechts).
 
 
 
Am Freitagabend um kurz vor halb sieben, will man in der Nürnberger Innenstadt eigentlich nur noch eins - nach Hause. Doch im Feierabend-Gedränge lassen sich Menschen beobachten, die in der Gegenrichtung unterwegs sind und zielstrebig die Kirchentür von St. Lorenz ansteuern. Drinnen sind die 800 Sitzplätze der gotischen Kirche dicht besetzt: Studenten, Mütter mit Kindern, ältere Herrschaften. Als die Glocken verstummen, breitet sich erwartungsvolle Stille aus. Von weit oben her, wie aus einer anderen Welt, kommen die ersten Orgeltöne, schwingen durch das hohe Mittelschiff. Dann setzt der Chor ein: »Kyrie eleison«. Auf der Empore, 15 Meter über den Köpfen der Zuhörenden intonieren zwanzig Männerstimmen leise und eindringlich die ersten Takte, helle Knabensoprane kommen dazu. Die »Lorenzer Motette« hat begonnen.

Zum 450. Mal findet die geistliche Abendmusik am 18. Februar statt, im Ablauf so unspektakulär wie eh und je: Chormusik und Orgel im Wechsel, ein Gebet, eine Lesung, eine kurze Besinnung, Gemeindegesang, das Vaterunser und der Segen. Das Holz des Chorgestühls knarzt, eiskalt zieht es von den alten Steinen. Doch das spielt keine Rolle. Aufmerksam lauschen die Menschen der Musik und den Worten, so andächtig, dass sogar die Heiligenfiguren an den Säulen zuzuhören scheinen.

Tradition und Zukunft

Chorleiter Karl-Friedrich Beringer wundert das nicht: »Ich glaube, dass der Vespergottesdienst oft unterschätzt wird. Die Menschen lechzen gerade heute nach dieser Form meditativer Besinnung.« Das zeigen auch die Besucherzahlen, die seit Ende der 70er-Jahre stetig gestiegen sind. Es gibt »Fans«, die tatsächlich extra aus Köln oder Berlin nach Nürnberg zur Motette kommen. Für Beringer ist der 18. Februar auch persönlich ein besonderes Datum, denn auf den Tag genau vor 33 Jahren dirigierte er hier seine erste Motette. »Mir gefällt besonders die bunte Mischung der Zuhörer - ob Touristen oder Passanten mit Einkaufstüten«, sagt der Kirchenmusikdirektor. »Und ich denke, dass die Motette auch Kirchenfernen einen Zugang zum Glauben eröffnet.«

Tradition, aber auch Wandel bei den Windsbachern spiegeln sich in der Lorenzer Motette: Die letzte vor dem Jubiläum dirigierte am 28. Januar der Dresdner Peter Kopp, einer von drei Bewerbern um die Nachfolge Beringers als Chorleiter.

Die erste Abendmusik der Reihe fand am 18. Juni 1955 statt, initiiert von Pfarrer Gerhard Kübel und Hans Thamm. Der Gründer des Windsbacher Knabenchors kannte als früherer Sänger im Kreuzchor die Vespergottesdienste in Dresden. Deshalb bot er an, dass die Windsbacher, die anders als die Kruzianer nicht an einer bestimmten Kirche beheimatet waren, regelmäßig in St. Lorenz singen könnten. Und so kurvte der Bus mit Sängern und Chorleiter einmal monatlich über die Dörfer Richtung Nürnberg.
   
Am Samstagabend gab es die Motette, am Sonntagmorgen wurde im Gottesdienst gesungen. Dazwischen übernachteten die Chorsänger bei sogenannten Quartiereltern aus der Gemeinde. »Einmal im Monat aus dem damals sehr ländlichen Windsbach in die große Stadt zu kommen, das war für uns eine tolle Abwechselung«, erinnert sich Dietrich Blaufuß als ehemaliger Windsbacher.

Eng und ziemlich frisch war es schon immer in St. Lorenz, gerade im Winter - und so erlebt es Chorsänger Julian Henkelmann auch heute. Dennoch schätzt der 18-jährige Bass die Motetten in St. Lorenz. Lorenzkantor Matthias Ank, der als Organist die Motettengottesdienste mitgestaltet, bezeichnet sie als »einen großen Schatz für die Gemeinde«.

Und eine alte Dame, die regelmäßig kommt, erklärt: »Einfach wunderbar. Hier fühle ich mich Gott besonders nahe.«


  Weitere Termine der »Lorenzer Motette« im Jahr 2011: 18. Februar, 13. Mai, 21. Oktober, 2. Dezember - jeweils 19 Uhr.

Ute Baumann


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